Wie haben sich dann die Orte ergeben, wo ihr Halt gemacht und gedreht habt?
Nikolaus Geyrhalter: Wir haben grob durchgerechnet, wie viel Zeit wir zur Verfügung haben und wie weit wir in einer Woche kommen müssen. Dann ist spontan entschieden worden, je nachdem, ob wir auf Interviewpartner getroffen sind, die uns interessant erschienen. Oft waren es auch logistische Haltepunkte, wenn wir zum Beispiel in einer Stadt geblieben sind, um Lebensmittel zu kaufen, um zu tanken oder die Autos zu reparieren. Im Grunde genommen waren wir komplett frei. Das einzige, was fixiert war, war der Zeitpunkt, wann wir die Landesgrenzen passieren mussten, weil wir in jedem Land ein lokales Team hatten, das natürlich für einen gewissen Zeitraum gebucht war. Manchmal haben wir uns auf einer Strecke von 50 km verzettelt, dann haben wir wiederum 200 oder 1.000 km abgekürzt. Entscheidend war, die Geschichten über alle Länder und Regionen einigermaßen gleichmäßig zu verteilen.
Der Film beginnt und endet mit "Sekundärbildern" - der Rallye-Promotion auf der Leinwand bzw. Bildern von Flüchtlingen, die über einen Radarschirm übertragen werden. Im Film begegnen wir einem Filmvorführer, das Fernsehen wird mehrmals thematisiert - insgesamt ist 7915 KM auch eine Reflexion über das produzierte Bild.
Wolfgang Widerhofer: Das ist der Rahmen, in dem der Film stattfindet. Es gibt zwei Klischees von Afrika: Abenteuer und Exotik auf der einen Seite und die Angst auf der anderen Seite - von Aids bis zu den Flüchtlingen. Das sind die Bilder in unseren Köpfen - produzierte Bilder. Wer produziert die Bilder und wie? Sprichwörtlich zwischen diesen Fremdbildern etabliert sich der Versuch, in dieser Art des Reiseessays langsam und episodisch zu schauen, Tempo herauszunehmen und andere Bilder zu finden. Es ist eine Entscheidung, wie man es aufnimmt und diese Entscheidung heißt "Genaues Schauen" und "Verlangsamen" wie Nikolaus es in jedem Film macht. In diesem Fall ist die Haltung zu den Protagonisten eine Haltung der Langsamkeit. Das ist zunächst das Entscheidende.
Wie fiel letztlich die Entscheidung für einen sehr nüchternen Titel, der auch Rallye-Kontext völlig ausklammert?
Nikolaus Geyrhalter: Wir haben sehr lange über sehr viele Titel nachgedacht. Alle hatten Vor- und Nachteile. Ich finde, dass dieser Titel durchaus einen Kontext hat. Er ist offen genug, um interessant zu sein und eine so präzise Kilometerbezeichnung ist auch Hinweis dafür, dass es um eine bestimmte Strecke geht und man nicht einfach spazieren fährt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass 7915 KM der geradlinigste Titel ist, derjenige, der am besten mit der Erzählung korrespondiert, wo eine genaue Kilometerangabe jeden Grenzübergang markiert. Und wenn dann am Ende "7915 km - Dakar" erscheint, dann ist man im Film auch wirklich angekommen. Der Titel unterstützt die Erzählung, er hilft der Orientierung und er ist ein Zeichen von Genauigkeit. Ich halte es auch für interessant, dass es auf den ersten Blick nach einer großen Distanz klingt und wenn man dann aber kurz nachdenkt, dann wird einem klar, dass es gar nicht weit ist. 7000 km, das ist eigentlich um die Ecke. Deshalb mag ich diesen Titel so gerne, weil er eine Ambivalenz zwischen Distanz und großer Nähe ausspielt. Man ist immer verleitet, das Andere, das Exotische zu sehen und zu entdecken. Wir aber suchen nicht das Fremde, sondern die Ähnlichkeit und die Nähe und begegnen uns immer auf Augenhöhe.
Ein weiterer Aspekt, der mir sehr präsent scheint, ist das Thema Maschine und Technik. Das Fehlen von Technik, die Koexistenz von hoch entwickelter Technik und einfachsten Mitteln im dortigen Alltag, die Destruktivität, das Versagen der Technik...
Nikolaus Geyrhalter: Ich sehe es nicht unbedingt als ein Fehlen von Technik, es ist eher so, dass unsere Technik nicht automatisch überall erwünscht und passend ist. So, wie der Nomade erzählt, gibt es genug Nomadenzelte mit Fernseher, man kann es also haben, wenn man will, aber er z.B. braucht es nicht. Viele haben auch ihre Handys, aber vielleicht wollen sie gerade nicht abheben. Der Umgang mit Technik und die Art, ob und wie man sich ihr unterwirft, ist auch eine Frage der Einstellung.
Wolfgang Widerhofer: Ich finde es auch wichtig, dass gerade durch Dinge wie Handys das Ganze mehr Nähe zu uns gewinnt. Es sind eben keine verklärten, exotischen Orte, wo die Leute vorindustriell leben. Technologie ist etwas, das alle verwenden. GPS wird von den Europäern ebenso wie auf den Flüchtlingsbooten verwendet. Diese Spannungen gibt es über die ganze Strecke hinweg.
Nikolaus Geyrhalter: ... wobei genau genommen die Rallyefahrer im Rennen kein GPS verwenden dürfen. Sie haben Roadbooks, anhand derer sie die Strecke finden müssen.
Dennoch könnte das ganze Rundherum um die Rallye nicht ohne GPS-Logistik zustande kommen.
Hast du durch die Arbeit mit dem Material in der Montage auch den Eindruck gewonnen, dass die Ähnlichkeiten stärker zu Tage treten als die Kontraste?
Wolfgang Widerhofer: Ich habe ohnehin das Gefühl, dass die Menschen, wo auch immer sie leben, im Grunde nicht so unterschiedlich sind. Ich glaube in diesem Film gibt es beides ? das Fremde, Dinge, die wir nicht verstehen und Dinge, die uns sehr ähnlich sind. Ich wollte, dass es sich die Waage hält. Es gibt Dinge, die nur leise angespielt werden, auch was die Kulturen betrifft. Wir sehen in einem Dorf in Mali einen Marabu, der ein Interview gibt. Was er im Alltag genau tut, kennen wir aus unserer Kultur nicht und das wird uns auch nicht zugänglich. Ich finde es schön, dass der Film es dabei belässt, ihm als kleine Episode Raum bereit hält und dann weitergeht, weil er weitergehen muss und nicht alles erklären kann. Ich hatte ungefähr 150 Stunden Material und es ging in meiner Arbeit darum, von Episode zu Episode vorwärtszukommen, die Wahl der Interviewpartner ergab sich aus der Chronologie der Ereignisse. Irgendwann nimmt man die Rallye raus, weil sie nicht mehr interessant ist und versucht andere Themen aufzunehmen, bis sich wieder etwas Neues auftut. Es war immer klar, dass sich der Film verwandeln wird, dass es zwei Filme sind. Es beginnt als Rallyefilm, zerstäubt sich in den Spuren, und langsam aus den Geschichten der Afrikaner entsteht ein zweiter Film.