Stiftgasse 6, A-1070 Vienna, T: +43 1 526 33 23, F: +43 1 526 68 01, office@afc.at AFC Logo
 
 
 
Search
Search in News
 Enter Film Search
 

Edgar Honetschläger: AUN - Interview

PRINT ARTICLE
aun_film1
IMAGE: 1 | 2

Angetreten war ich mit dem Anliegen, Bilder zu finden auf die Frage, wie schön Zukunft sein kann. Bilder habe ich gefunden - aber gelöst habe ich das Paradoxon nicht. Ein Gespräch mit Edgar Honetschläger


Verfolgt man Ihr bisheriges filmisches Schaffen, so ist AUN ein klarer Schritt in ein anderes Erzählen, weg vom Essayistischen hin ins Fiktive und dabei in eine besondere, sehr symbolhafte Fiktion. Gab es präzise Quellen, die Sie dazu inspiriert haben
Edgar Honetschläger: Für mich ist AUN ein Gedicht - aus Bildern. Ich halte den Film eher für eine Rückkehr - Milk war aus dem Leben gegriffene Fiktion und auch AUN entwickelte sich anfänglich aus meinem Erleben, wie der mit Wasser betriebene Motor, um den es zu Beginn geht. Dieser ist eine Erfindung von Yukika Kudos (sie ist die Produzentin und Darstellerin der Hikari) Vater. Den Motor gibt es, aber wie die Figur Sekai im Film sagt: "Es reicht nicht, das ist zuwenig. Wir müssen noch weiter gehen, um uns zu retten." Einflüsse kommen vom italienische Anthropologen Fosco Maraini, den ich als den feinsten Reflektor zum Thema Shintoismus, der Urreligion Japans, betrachte. Ebenso Claude Lévi-Strauss: Die Anfangsszene, Auns Geburt mag wie griechisches Theater anmuten, aber eigentlich geht sie auf ein von Strauss beschriebenes indianisches Ritual zurück, bei dem eine Urwaldsippe um eine gebärende Frau steht und (Tier-)Namen rezitiert. Jenen, den sie in dem Moment aussprechen, in dem das Kind zur Welt kommt, wird zum Namen des Kindes. Weiters ist die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector zu nennen, eine weißrussische Jüdin, die als Kind nach Brasilien kam und zur Nationaldichterin wurde. AUN nährt sich aus Er-Lesenem, Erlebtem und rein Fiktivem - wie jeder Film - um eine märchenhafte Traumwelt zu schaffen. Ich meine, dass man nur in seltenen Fällen die Handlung eines Filmes behält. Spätestens nach einem Monat bleibt nur ein Gefühl und wenn es länger zurück liegt - umso mehr. Das hat mich interessiert. Wer bereit ist, sich auf diesen Film einzulassen, wird das Kino mit einem wohligen Gefühl verlassen. Die Bilder sprechen eine Sprache, die im Kopf des Zuschauers haften bleibt. Wenn das gelungen ist, habe ich gewonnen.

Kann man dennoch einen kurzen roten Faden durch die Geschichte ziehen?
Edgar Honetschläger: Die Frau des Gelehrten Sekai stirbt bei der Geburt ihres Sohnes Aun. Eines Tages findet dieser am Strand eine eigenartige Meeresschnecke. Sekai, in der Hoffnung eine lebenswerte Zukunft zu schaffen, stirbt, indem er Experimente am eigenen Körper mit Substanzen der Schnecke durchführt. Zwanzig Jahre später setzt der Wissenschafter Euclides diese Experimente fort. Da ihm eine essentielle Komponente fehlt, hält er seine Frau Nympha dazu an, Aun zu suchen, von dem er meint, das Geheimnis zu kennen. Aun, nun Priester in einem Shinto Schrein führt Nympha in eine Parallelwelt, von der Euclides glaubt, in ihr die Zukunft zu finden.

Mit dem ersten Bild taucht man in eine Traumwelt ein, man ist von Beginn an dem Alltag, aber auch der Zeit entrückt. Es spielen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich in die Handlung hinein.
Edgar Honetschläger: Die Wirklichkeit interessiert mich nicht. Mein Leben ist ein Traum, darum träume ich nie. Aber für die Zuschauer suche ich, einen Traum zu zaubern. Ich bin an einer zeitpolitischen Debatte als Person sehr interessiert, aber als Künstler erscheint mir eine weiterreichende Debatte viel fruchtbarer. Die Dinge geschehen zwischen den Frames, was evident ist, wird versteckt, das Politische, wie das Philosophische. Ich spiele mit Zeitebenen. Man sieht es anhand des Hauptdarstellers Aun, der ein ganzes Leben im Film durchläuft. Man erlebt ihn bei der Geburt, mit sieben, mit siebzehn, mit 40 und mit 80. Gegen Ende des Films lasse ich ihn von einer Szene auf die andere von 40 auf 80 altern. Das gehört zu den wunderbaren Dingen am Filmemachen - dass man Herr über die Zeit ist.

Welche philosophischen Fragen wolltest du mit AUN aufwerfen?
Edgar Honetschläger: AUN entstand vor dem Hintergrund, den Mythos von der Apokalypse, die der Mensch fürchtet, seitdem er ist, als Bedrohungsszenario nicht mehr akzeptieren zu wollen. Der Charakter Sekai [=die Welt] ist ein Widerspruch in sich selbst, weil er einerseits auf die Tradition im Sinne des Orients pocht und dann plötzlich auf dem Wasser sitzt wie Jesus Christus und damit genau das verkörpert, was er im Dialog moniert, nämlich "wie weit wir den Individualismus noch treiben wollen". Er handelt wie ein westlicher Wissenschafter und will doch aus östlicher Sicht neu erfinden. Sein Sohn Aun [= der Anfang und das Ende aller Dinge], ein Gott, widerspricht ihm, indem er meint das Leben sei ihm von Außen, von der Welt, geschenkt. In der Folge begeht er auf einer metaphorischen Ebene (im Traum) Inzest mit seiner bei der Geburt verstorbenen Mutter Hikari [=das Licht]. Also die Ewigkeit paart sich mit dem Licht. Dazu fügt sich das Faust'sche Thema gleich zweimal - einmal angewendet am japanischen Gelehrten und das andere mal am westlichen Wissenschafter aus Brasilia, der Klimax der Moderne. Der heißt Euclides im Film [nach dem antiken Mathematiker benannt], ein Stummer, der vom 01 Code besessen ist. Von ihm fühlen sich die Geister des Waldes bedroht, die in AUN von einem japanischen Großstadtphänomen verkörpert werden: Den Maids aus den Manga Cafes. Ihr Meister ist der 40-jährige Aun - der als Priester in einem Shinto Schrein dient. Shinto ist Animismus - es gibt Millionen von Göttern, die täglich mehr werden. Alles ist Gott - weil alles Natur ist, auch das, was der Mensch schafft. Genau das Gegenteil von monotheistischen Denkprinzipien. Japan ist in AUN aber nur Backdrop, auch wenn japanische Vorstellungen von der Welt durchaus ausgebreitet werden.

Ist Japan in der Tat so wenig präsent?
Edgar Honetschläger: Präsent schon - aber es ist keine japanische Welterklärung. Man darf nicht vergessen, dass ich seit zwanzig Jahren zwischen Japan und Europa pendle, mehr als die Hälfte der Zeit in Tokyo verbracht habe, dort zu Hause bin. Mir ist alles vertraut dort, es gibt nichts mehr, was für mich exotisch wäre. Auf den Zuschauer mag das anders wirken, das kann ich nicht abschätzen. Dass die Natur Gott ist und der Mensch mit ihr, hat nicht nur der ferne Osten erfunden. Es wird im Film sowieso nie ausgesprochen. Ich hoffe dennoch, dass man über die im westlichen Auge entstandene Exotik hinaus tiefere Schichten wahrnimmt. Ich bin bei meinem alten Thema, nämlich Rituale zu erfinden, um der Wirklichkeit zu widersprechen - das war bei Milk schon so. Ich erfinde Dinge, die der Phantasie entspringen, dann aber so wirken, als gäbe es sie und als würden sie gelebt. Das Erfinden von Symbolen kommt dem Erfinden einer neuen Welt gleich.

Page: 1 | 2 | 3