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Günter Schwaiger: Arena - Interview

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günter schwaiger
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Der Stierkampf ist immer ambivalent, weil er kreativ und zerstörerisch zugleich ist. Er ist schön und hässlich, brutal und liebevoll. Er liebt und hasst zugleich. Das lieferte mir die Denkanstöße. Die Frage ist nicht, ob man für oder gegen den Stierkampf ist, sondern die Frage ist, inwiefern entspricht er uns?
Günter Schwaiger im Gespräch über Arena, der am 26. Februar 2010 in den spanischen, am 5.März  in den österreichischen Kino starten wird.

 

Als österreichischer Regisseur mit Wohnsitz in Madrid sind Sie mit dem spanischen Alltag sehr vertraut. Wie stark haben Sie die Präsenz des Phänomens Stierkampf im Alltag erlebt, ehe Sie sich auf eine profunde Recherche zum Thema gemacht haben?
Günter Schwaiger: Stierkampf hat in Spanien eine große Präsenz, nicht nur weil Stierkämpfe stattfinden und es ein kulturhistorisch wichtiges Thema ist, er ist auch in der Sprache sehr präsent. Die spanische Sprache ist voller Metaphern und Redewendungen aus dem Stierkampf. Er findet Einzug in viele Redewendungen, weil es so eine klare und bildliche Welt ist. Das zeigt, wie verwurzelt die Bilderwelt des Stierkampfs in der spanischen Vorstellungswelt ist.

Was wäre ein Beispiel?
Günter Schwaiger: "Bravo" kommt zum Beispiel vom Stierkampf und heißt eigentlich "mutig" und drückt eigentlich die Anerkennung eines mutigen  Stieres aus oder "cortarse la coleta" ist so ein anderer Ausdruck. Wenn ein Torero aufhört, dann schneidet er sich den kleinen Pferdeschwanz, den er im Nacken trägt, ab. Wenn jemand seinen Beruf an den Nagel hängt, dann verwendet man im Spanischen diesen Ausdruck. "Hacer un quite" heißt jemandem helfen und kommt von den Banderilleros, wenn sie den Matador vor einem tödlichen Angriff des Stieres retten. Ausdrücke, die mit Risiko verbunden sind, haben immer einen Bezug zum Stierkampf.

War es diese kontinuierliche Präsenz in der Sprache, die Sie für das Thema sensibilisiert hat?
Günter Schwaiger: Mein Interesse an der Kulturgeschichte war immer schon sehr groß. Das geht auf meinen Hintergrund als Ethnologe zurück. Das Phänomen Stierkampf ist in der europäischen Kulturgeschichte etwas Einzigartiges, besonders auch in seiner direkten Beziehung zu antiken und archaischen Vorstellungen, Riten und Zeremonien. Das auslösende Moment ist einem Freund zu verdanken, der mir vor einigen Jahren vorschlug, einen Stierkampf zu besuchen. Ich hatte das große Glück, einem der wichtigsten Stierkämpfe der letzten zwanzig Jahre beizuwohnen. Sieht man einen Stierkampf als Tourist, ohne vorbereitet zu sein und ohne die Codes interpretieren zu können, dann wirkt es eher brutal, weil man keinen Sinn dahinter sieht. Ich hab die Madrider Arena betreten, die rund wie ein altes Amphitheater ist und 30.000 Menschen fasst ? die Atmosphäre ist keineswegs laut wie bei einem Fußballspiel, es wird nur gemurmelt und kommentiert. Alles ist zeremoniell, die Vorstellung der Toreros, die Stille und dann der plötzliche unbeschreibliche Enthusiasmus der Leute. Man spürt ihre tiefe Empfindung, eine ganz bestimmte Art des Erlebens. All das waren Dinge, die ich noch nie erlebt hatte und die mich stark interessiert haben.

Hat es Ihre Haltung zum Stierkampf beeinflusst?
Günter Schwaiger: Zuerst war mein Interesse geweckt, dann hat sich natürlich meine Haltung dazu gestärkt. Ich stand als jemand, der nie mit dem Thema zu tun hatte und aus einem anderen Land kam, dem Stierkampf eher ablehnend gegenüber. Das hat sich geändert. Wenn man die Codes versteht und auch die Leute, was der Stierkampf und der Stier für sie bedeutet, dann ändert man meistens seine Meinung. Ich möchte trotzdem meinen Film keineswegs als Pamphlet für den Stierkampf verstanden wissen.

Der Film streift von Gesprächen mit sehr einfachen Leuten und ihrer Hingabe zum Stierkampf bis zur akademischen Analyse des Themas. Das Anliegen, das Thema zu hinterfragen ist ebenso ständig präsent wie der Versuch, die Ambivalenz des Themas im Auge zu behalten.
Günter Schwaiger: Für mich ist der Stierkampf eine Metapher für Vieles. Er sagt etwas über unsere Beziehung zu unserer Kulturgeschichte aus, über unsere Definition als Zivilisation, unser Verhältnis zur Natur, zum Tier, es berührt unsere Grundfesten. Es berührt das Selbstverständnis der modernen Gesellschaft, die immer mehr versucht, eine Scheinwelt zu konstruieren, wohl aus dem frustrierenden Bewusstsein heraus, nicht über sich selbst hinauszukommen. In dieser Scheinwelt wird der Mensch als wunderschön, perfekt und ewig jung idealisiert. Alles Negative wird ausgeklammert, es gibt keine echte Auseinandersetzung damit. Die antike Konzeption des Menschen ist eine andere. Der Mensch ist weder gut noch schlecht, er trägt beides in sich. Das ist im Stierkampf ein wichtiger Punkt. Der Stierkampf ist immer ambivalent, weil er kreativ und zerstörerisch zugleich ist. Er ist schön und hässlich, brutal und liebevoll. Er liebt und hasst zugleich. Das lieferte mir die Denkanstöße. Die Frage ist nicht, ob man für oder gegen den Stierkampf ist, sondern die Frage ist, inwiefern entspricht er uns?

Der Stierkämpfer repräsentiert zum einen Tugenden der Männlichkeit - Mut, Kampfes- und Siegeswillen. Darüber hinaus aber auch Elemente wie Idealismus, Hingabe um der Sache selbst willen, viele von ihnen, die es nicht nach ganz oben schaffen, haben etwas Tragisches, Don Quijote-Artiges an sich. Sehen Sie den Torero auch als jemanden, der keineswegs die Klischeevorstellungen vom Machismo verkörpert.
Günter Schwaiger: Auf jeden Fall. Das Element des Quijote war mir sehr wichtig im Film, weil man dem immer wieder begegnet. Das Klischee des Toreros, das durch gewisse Hollywoodfilme entstanden ist, entspricht meiner Meinung nach nicht der Realität. Der Torero selbst ist kein Macho, er entspricht gewissen Idealen, er ist ein Idealist, hat auch etwas von Don Quijote und steht für eine Art von Ritterlichkeit. Er wird auch oft wegen dieser Bereitschaft zur Selbstaufopferung, diesem Streben nach beinahe mittelalterlichen Idealen belächelt. Ein Torero muss ja 24 Stunden am Tag ein Torero sein. Wirkliches Ansehen genießt er dann, wenn er sich in jeglicher Situation wie ein Torero verhält. Oft wird ein Bezug zum Samurai hergestellt, der im Kampf den Regeln entsprechend agiert, aber auch seine Rolle spielen muss. Ein Torero kann nicht einfach in eine Diskothek gehen und die ganze Nacht durchfeiern. Er symbolisiert Reinheit und verkörpert beinahe etwas Priesterliches, Mönchisches  - im antiken, nicht im katholischen Sinn. In der Arena steht er rein symbolisch mit seinem Körper und seinen grazilen Bewegungen der Naturgewalt gegenüber, die er besiegt. Dieser Triumph geht über ihn auf die Masse über. Diese Reinheit, die Überwindung der Angst und die Kreation dabei bilden Identifikationspunkte einer Konzeption der Zivilisation. Wenige haben sich theoretisch mit dem Stierkampf auseinandergesetzt, die große Masse macht es intuitiv.

Auch die einfachsten Leute  sprechen im Film das Metaphysische, das sie mit dem Stierkampf verbinden, an.
Günter Schwaiger: Wenn man sich mit einem ganz einfachen Andalusier unterhält, kann er minutenlang von einem Stierkämpfer wie von einem Gott reden und gleichzeitig unglaubliche Weisheiten aussprechen. Es wird sehr viel nachgedacht. Es besteht eine sehr enge, intime Beziehung dazu, die stark von den Emotionen bestimmt ist. Es ist nicht alles erklärbar. Selbst ein Torero wird irgendwann sagen, es gibt Dinge, die kann man nicht und muss man nicht erklären. Die rationale Erklärungswelt der Aufklärung greift im Stierkampf nicht. Es gibt einen Moment, wo es eine sinnliche Welt betritt, wo es keiner Erklärung mehr bedarf, wo die Dinge so genommen werden, wie sie sind. Auch die Angst wird akzeptiert, ohne dass man mit dem Psychologen an ihrer Überwindung arbeiten muss.

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