|
|
| Stiftgasse 6, A-1070 Vienna, T: +43 1 526 33 23, F: +43 1 526 68 01, office@afc.at |
|
|
|
|
| |
 | |
 |
Brigitte Weich & Karin Macher: Hana, dul, sed ... - Interview
|
|
|
Die ersten Reaktionen, auf mein Projekt lauteten einhellig "Exotischer geht es wohl nicht mehr!" Ich fand hingegen, dass ich sehr schnell an sehr vertraute Themen kam: Wie ist es, als Frau an den "Dos" and "Don'ts" der Gesellschaft anzuecken? Aus dieser vertrauten Perspektive wollte ich die nordkoreanische Gesellschaft betrachten, um mir nicht ständig vom allzu offensichtlichen "bösen Führerstaat" den präzisen Blick verstellen zu lassen. Und ich begegnete einer Gesellschaft, wo ich ständig hin- und her gerissen war. Brigitte Weich und Karin Macher im Gespräch über ihren Dokumentarfilm Hana, dul, sed ...
Der erste Frage drängt sich einfach auf - Wie kann man de facto einen Film in Nordkorea drehen, wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Thema? Brigitte Weich: Die erste ist vielleicht die leichtere Frage, die mir tatsächlich oft gestellt wird. Es ist eigentlich ganz einfach. Jedenfalls war das nicht die größte Hürde, die wir zu überwinden hatten. Die wahren Hürden lagen in der Finanzierung des Projekts und den Rechten am Archivmaterial. In Nordkorea kann man grundsätzlich nicht sehr viel auf eigene Faust machen. Sobald man den Fuß auf nordkoreanischen Boden setzt, kann man sich nicht mehr frei bewegen, und man käme auch nicht sehr weit: denn man darf kein dortiges Geld besitzen, Taxis gibt es nicht, öffentliche Verkehrsmittel darf man nicht benützen und man könnte sich ohne Koreanisch nicht verständlich machen. Wenn man dort drehen will, dann braucht man eben eine Bewilligung mehr als nur das Einreisevisum. Diese Bewilligung würde man natürlich nicht bekommen, wenn man die geheimen Atomtests filmen will. Es galt also ein geeignetes Thema zu finden? Brigitte Weich: Das ist die schwierigere Antwort. Auslöser war mit Sicherheit mein Besuch beim Filmfestival von Pjöngjang 2002. Damals liefen dort zwei Fußballfilme: der eine war Frankreich wir kommen! von Michael Glawogger, der andere war The Game of Their Lives, ein britischer Film über das nordkoreanische Fußball-Wunderteam aus dem Jahr 1966, das jedem Fußballkenner ein Begriff ist. Es war sehr viel von Fußball die Rede, was mich nicht wirklich interessierte, bis jemand erwähnte, dass der koreanische Frauenfußball so gut sei. Ich hab dann zwei Wochen vergeblich versucht, ein Frauenfußballspiel sehen zu können. Es brauchte letztlich bis 2007, also fünf Jahre, bis es so weit war und wir erstmals im Kim Il Sung-Stadion standen. Bei meinem ersten Besuch, hatte ich noch keine Vorstellung davon, was für ein undenkbares Ansinnen es in Nordkorea war, spontan ein Fußballstadion zu besuchen. In gewisser Weise war das die Geburtsstunde des Films. Es gibt mit Korfilm eine staatliche Filmagentur, die den britischen Film gemacht hat und quasi darauf spezialisiert war, ausländischen Teams beim Drehen zu helfen. Dort ist Ryom Mi Hwa, eine sehr dynamische, und engagierte Frau am Werk, die über die starren bürokratischen Strukturen hinweg viele Dinge ermöglicht. Mit ihr habe ich mich beim Festival unterhalten, dass ich einen Film über das Frauenteam interessant fände und als ich wieder in Wien war, kam ein Fax von Korfilm, was denn nun mit dem Projekt über die Frauenfußballerinnen sei? Das war wirklich der Anfang. Es war ein Film, den ich hätte sehen wollen, ohne allerdings daran zu denken, es selber zu machen. Wie sahen dann die ersten Schritte aus? Brigitte Weich: Mit dem Fax hatte ich einen entscheidenden "Fuß in der Tür", denn es bewies das koreanische Interesse am Thema. Die asiatischen Meisterschaften im April 2003 standen bevor, eine gute Chance mehr herauszufinden. Bangkok war eine relativ einfache und billige Destination, und so fuhr ich hin. Die Nordkoreanerinnen gewannen das Turnier und waren damit auch für die WM qualifiziert. Von dem Moment an, als ich das Team kennen gelernt hatte, war ich vom Fieber angesteckt. Ein zweites Universum hatte sich mir offenbart: nach der Nordkorea-Reise, nun der Frauenfußball. Bei einer Reise nach Pjöngjang hat man ständig das Gefühl hat, vor Attrappen zu stehen und nicht ans wirkliche Leben der Menschen heranzukommen. Die Fußballerinnen hingegen waren "echte Menschen", die eben zufällig aus diesem unzugänglichen Land kommen. Wir haben sie zwei Jahre mit der Kamera auf Turnierreisen begleitet, bis es zum ersten Dreh in Pjöngjang kam. Da sie alle nur Koreanisch sprechen, war unser Kontakt bei den internationalen Turnieren schwierig, aber es waren coole Mädchen und ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie sie in diesem totalitären System funktionieren würden. Das ist ein Thema, das ich im Film auflösen wollte ? die Frage, wie funktioniert Alltag in einem Umfeld, das für mich so kulissenartig und fremd wirkt - kulturell wie politisch. Wie schnell war klar, dass Sie den Film selber machen würden? Brigitte Weich: Es kam der Punkt, wo ich das Thema als Geschichtenerzählerin nicht mehr hergeben wollte. Es waren "meine Mädchen", meine Geschichte, mein Interesse. Ab einem gewissen Punkt kann man etwas weder delegieren noch darauf warten, dass es jemand anderer für einen macht. Ich hatte ursprünglich auch nicht vor, selbst zu produzieren, obwohl ich mich den Management- und Finanzierungsaufgaben total gewachsen fühlte. Es hat sich dann so ergeben, dass die Lotus-Film mich als Mentor unterstützt hat. Sie haben mir eine Kamera auf die erste Reise mitgegeben. Ein wichtiger erster Impuls und ein wichtiges Backing, für die Jahre, die dann gefolgt sind. Das eigentlich Beängstigende war die kreative Arbeit, denn das hatte ich in der Größenordnung davor noch nie gemacht. Und ein Engagement für 24-Stunden sieben Tage die Woche und das sieben Jahre lang einzugehen, ist ein starkes Investment. Die Faszination am Inhalt hat mich angetrieben, die Frage des Aufgebens hat sich für mich nie gestellt. Karin Macher: Brigitte konnte auf den ersten Reisen, die nur zu zweit oder zu dritt mit Kamera und Ton erfolgten, nicht noch jemanden mitnehmen. Das persönliche Verhältnis, das sie in dieser Zeit zu den Spielerinnen aufgebaut hat, hätte sie aber nicht an eine Regisseurin weitergeben können. Brigitte Weich: Dieses nicht tradierbare persönliche Verhältnis ist schon in Bangkok durch das gemeinsame Erleben dieser tollen Meisterschaft entstanden. In Bangkok haben die Kamerafrau Judith Benedikt und ich einen dieser berühmten "magic moments" erlebt. Da ich eine Kamera zur Verfügung hatte, entschied ich mich kurzerhand, jemanden mitzunehmen, die damit umzugehen weiß. Was nicht einfach war: Wer sagt schon kurzfristig beim einem Projekt zu, das nicht finanziert ist, mit jemandem, die a priori weder Filmregisseurin ist noch Dreherfahrung hat. Ich habe Judith Benedikt erst in Bangkok in der Lobby des Youth-Hostels zum ersten Mal getroffen. In dieser zusammengewürfelten Situation mit einem nordkoreanischen Team und zwei Österreicherinnen, die einander zuvor noch nie gesehen hatten, ging es los. Wir kamen total begeistert zurück und ab da war's wohl für uns beide klar: dieses Projekt geben wir nicht mehr her. 2003 bin ich dann auch Karin Macher begegnet, die selbst an einem Doku-Projekt gearbeitet hat, und mit der ich mich immer wieder ausgetauscht habe. Zwei Jahre lang hieß es ständig am Ball bleiben, Finanzierung und Drehgenehmigungen aufstellen und gleichzeitig die persönliche Beziehung mit den Leuten aufrechterhalten. Karin Macher: Man konnte diese Spielerinnen ja nicht kontaktieren. Wenn sie zurück in Nordkorea waren, waren sie auch wieder weg. Ein Follow-up ist nicht möglich, außer man fährt hin.
Brigitte Weich: Und selbst wenn man hinfährt, geht das nicht so einfach. Nordkoreaner brauchen eine behördliche Bewilligung, um mit Ausländern in Kontakt zu treten. Am Anfang des Films stehen zwei Zitate: das eine von Kim Il Sung (Great ideolgies create great times), das zweite von Simone de Beauvoir (Man wird nicht als Frau geboren, man wird es). Kann man diesen Film als einen Versuch betrachten, der einerseits ein System beleuchtet, das die Menschen in seinen Dienst stellt und andererseits im System der Gleichheit, vor Augen führt, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern dennoch ein Thema ist? Brigitte Weich: Ich finde, es ist richtig analysiert. Aber wahrscheinlich ist die Henne/Ei-Thematik umgekehrt. Ich interessiere mich als Frau primär für Frauengeschichten. Es hat mit einem Bauchgefühl begonnen und ist erst langsam zu einer Struktur geworden. Da waren Fragen wie: Was sind Über- oder Unterprivilegierungen? Wer ist was in welchem System? Wie entsteht so etwas? Wer sind die Sklaven des Systems? Es gab und gibt ja verschiedenste - sexistische, rassistische, klassenmäßige - Bruchlinien und Querverläufe im Lauf der Menschheitsgeschichte. Der Kommunismus etwa ist ein System, das die Beseitigung traditioneller Unterprivilegierungen postuliert, aber Frauen sind darin trotzdem ungleicher. Das ist eine ganz einfache Wahrheit. Der Gleichheitsanspruch ist nie in einer Form von realem Kommunismus realisiert worden, trotzdem hat es diese Idee gegeben. In Nordkorea ist noch ein letzter Rest davon vorhanden, auch wenn der Kommunismus weltweit ausgespielt hat. Im Gegensatz zum Klassenkampf bewegt sich der Geschlechterkampf in einem ständigen grenzenlosen Spannungsfeld. Der Film bot die Gelegenheit, das in einem kleinen Nukleus anzuschauen, weil die Fußballerinnen extrem privilegierte Frauen sind. Ginge man quer durch alle Kulturen, Religionen, Gesellschaftssysteme oder Klassen, gab und gibt es verschiedene Formen der Privilegiertheit oder Unterprivilegiertheit, die Frau ist zunächst mal immer auf der Seite der Unterprivilegiertheit. Mit unseren Fußballfrauen passiert das Gegenteil. Nicht weil Kim Jong Il, der größte Feminist aller Zeiten ist, sondern weil er mit der Förderung dieser konkreten Frauen, in dieser konkreten Sache "Staat machen" kann. Karin Macher: Die Spielerinnen, die wir im Film zeigen, sind in Nordkorea Superstars und werden auf der Straße angesprochen. Die deutschen Fußballerinnen, die Weltmeister sind, machen Werbung für Damenbinden. Es besteht eine unheimliche Diskrepanz. In Nordkorea sieht man Plakate mit den Stars des Frauenfußballteams, die für ausverkaufte Stadien sorgen und denen zugejubelt wird. Brigitte Weich: Wenn dieser Wille zur Förderung besteht, dann gibt es plötzlich neue Regeln, die alle anderen Regeln außer Kraft setzen. Im Film wird klar, dass in Nordkorea ein sehr konservatives Gesellschaftsbild herrscht, das mich an die sechziger Jahre hierzulande erinnert: Heiraten ist ein Muss, es gibt keinen vor- oder außerehelichen Sex, Ehe heißt Kinderkriegen, Homosexualität existiert nicht, es gibt keine(n) unverheirateten Nordkoreaner(in), keine Scheidung, keine Patchworkfamilien ... . "Die Frau muss eine Blume sein, die Frau muss hübsch sein, die Frau muss lange Haare haben, die Frau darf keine Hosen tragen" - es herrscht ein völlig klischeehaftes Frauenideal. Plötzlich, wenn sie auf dem Spielfeld stehen, werden die Haare kurz geschnitten, wird gespuckt und getreten, und die Lieblichkeit der Blumen ist nicht mehr so wichtig. Wahrscheinlich lässt sich das nur in so einem System so radikal durchziehen. Dort gibt es einen Führer, der sagt, das wird jetzt gemacht. Ein autoritär implementiertes Förderungssystem kann plötzlich kulturelle Regeln außer Kraft setzen und wiederum reale Auswirkungen auf diese Kultur nach sich ziehen.
|
|
|
|
|  |
|
|
 |
|
| |
|
| |
|